Proktologie Professor Dr. Prohm, FASCRS
 

Koloskopie

Die ansteigenden Fälle an Dickdarm- und Enddarmkrebs bis zum Jahre 2000 waren schon beunruhigend. Während man den Ursachen nicht so recht auf die Spur kam - viele Faktoren wurden diskutiert, in Erwägung gezogen und wieder verworfen - begann die sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Vorstufen der bösartigen Erkrankung, die Polypen mit all ihren Vor- und Zwischenstufen, per Endoskop entfernt werden könnten. Die Dickdarmkrebshäufigkeit selbst ist seit Einführung der Vorsorge Koloskopie auch deutlich rückläufig. Die Datenlage ist also eindeutig und zeigt, dass die Vorsorge - Dickdarmspiegelung (=Koloskopie) nicht nur eine sinnvolle, sondern auch äußerst effektive Maßnahme ist. In der Hand des geübten Endoskopikers hat die Untersuchung auch längst ihren Schrecken verloren. Mittlerweile kann die Untersuchung bei nicht zu kurvigem Dickdarmverlauf sogar ohne einschläfernde Medikamente oder gar Narkose durchgeführt werden. Besonders bei Dickdarmkrebs in der Familie ist es wichtig die Untersuchung durchzuführen, da mittlerweile ein gewisser erblicher Mechanismus bekannt ist.

 Doch wie funktioniert nun eine Koloskopie? In der Vorbereitungsphase ist es extrem wichtig, den gesamten Dickdarm sauber zu bekommen. Nur dann können auch feinste Veränderungen der Darmschleimhaut gesehen werden, ebenso wie winzige Polypenknospen oder ganz flache Polypen, die, wenn sie von einer dünnen Schleim oder Codeschicht überzogen sind, nicht sichtbar sind. Während früher drastische Abführmaßnahmen getroffen werden mussten, zum Beispiel eine Trinkmenge von 4 l einer Lösung von Polyethylenglykol, verläuft das Abführen heute sehr viel entspannter vor sich. In der Regel reicht 1 l einer Abführflüssigkeit am Vorabend der Untersuchung, ein weiterer Liter in der Früh des Untersuchungstages, so dass dann die Untersuchung selbst gegen Mittag oder später durchgeführt werden kann. Unter diesem Regime ist in der Regel eine exzellente Darmreinigung möglich. Ist der Patient dann nach der Darmreinigung zur Koloskopie bereit, wird einen Infusion angelegt um im Notfall kreislaufstabilisierende Medikamente spritzen zu können. Über diesen Zugang kann natürlich auch ein Beruhigungmittel oder ein Schmerzmittel indiziert werden, so dass der Patient die Untersuchung problemlos verträgt. Ich halte es so, dass die Patienten nach Anlegen der Infusion angeboten bekommen es ohne Spritze zu versuchen. Ein Großteil der Patienten nimmt dieses Angebot an; wird die Untersuchung jedoch unangenehm oder schmerzhaft, können die entsprechenden Medikamente über den Zugang gespritzt werden. Folgendes sollte man wissen: werden die entsprechenden Medikamente gespritzt, ist der restliche Tag „hinüber“. An dieser Stelle erzähle ich immer ganz gerne die Geschichte, wie ein Patient in der Klinik nach der Koloskopiedie Unwahrheit sagte und angab seine Frau würde ihn in der Cafeteria des Krankenhauses abholen. Dies war natürlich nicht wahr und der Patient fuhr mit dem eigenen Auto. Er rief mich in den späten Nachmittagsstunden an mit den Worten: „Herr Professor, was haben sie mit mir gemacht? Ich bin jetzt hier in Fulda und weiß nicht, wie ich hergekommen bin?“ Wichtig ist auch, dass der Patient abgeholt wird und sicher nach Hause geleitet wird. In der Regel schläft er sich dort aus und ist anschließend wieder relativ fit. Nach den Vorbereitungen erfolgt dann erst einmal eine gründliche rektale Untersuchung um im Enddarmbereich irgendwelche Infektionen (Abszesse, Thrombosen oder andere pathologischen Befunde) vorhanden sind. Sodann erfolgt die Einführung des Instrumentes (in der Regel ein 1,60 m langes Koloskop) und vorsichtiges Vorgehen in den Sigmabereich hinein. Hier ist die erste kritische Stelle zu verzeichnen: der Übergang von dem Mastdarm in das Sigma. Hier sind oft Verwachsungen vorhanden, so dass die Sigmaschleife nicht aufzudrehen ist. Manchmal muss man mit ziemlicher Gewalt vorgehen um diese kritische Stelle zu überwinden. Hier sind auch, wenn eine Perforation auftritt, die häufigsten Komplikationen zu verzeichnen. Ist diese Passage überwunden gelangt man problemlos in absteigenden Dickdarmanteil und nähert sich der zweiten kritischen Stelle: das ist die so genannte linke Flexur, die Kurve vor der Milz, wo der absteigende Dickdarm in den Querdarm übergeht. Nicht selten hängt dieser Querdarm bei besonders schlanken Menschen tief in den Unterbauch herunter so dass hier eine weitere Schleife zu überwinden ist. Die nächste kritische Kurve ist in der Leberregion. Wenn diese überwunden ist gelangt man in den aufsteigenden und beginnenden Dickdarmanteil und kann den Eingang des Dünndarmes in den Dickdarm betrachten. Besteht der Verdacht auf eine chronisch entzündliche Darmerkrankung kann man hier das Endoskop in die Klappe (Valvula Bauhini) hineinführen und das letzte Stück des Dünndarmes (terminales Ileum) inspizieren. Bei Bedarf können hier auch Proben entnommen werden um eine feingewebliche Diagnose zu erhalten. Dies gilt im übrigen für den gesamten Dickdarm. Sodann wird rückwärtsgehend der gesamte Dickdarm inspiziert, wobei man tunlichst sämtliche Falten inspizieren sollte. Nicht selten befinden sich hinter einer Falte kleine harmlose Polypen, die jedoch abgetragen werden sollten. Dies kann entweder mit einer PE- Zange oder mit der Schlinge erfolgen auch hier im Dickdarm kann eine chronisch entzündliche Darmerkrankung diagnostiziert werden. Auch zu diesem Zweck werden hier Proben entnommen und einer fein gewerblichen Untersuchung zugeführt.

 

Die Komplikationsrate bei der Untersuchung gering. Bei Operationen und Verletzungen des Darmes treten nur bei einer Vorschädigung des Dickdarmes, zum Beispiel durch eine ausgeprägte Divertikel-Bildung, oder nach Abtragung von großen Polypen statt. Wichtig ist, dass die Komplikationen dann sofort behandelt werden, da der Darm völlig sauber ist. Mit einer Bauchfellentzündung ist zu diesem Zeitpunkt nicht zu rechnen und der Defekt in der Darmwand kann, wenn möglich auch minimal invasiv, verschlossen werden. Gefährlich wird es erst, wenn der Defekt nicht sofort festgestellt wird sondern der Patient womöglich erst nach Stunden mit Bauchschmerzen die Klinik aufsucht. In der Regel ist aber dann noch ein komplikationsloser Verschluss des Defektes möglich, ohne die Anlage eines künstlichen Darmausgangs.